Der Rundtempel am Wilhelminenberg in Wien

Wer vom Wiener Stadtteil Ottakring aus die bewaldeten Hänge des Wienerwaldes erwandert, wird kurz vor der Otto Koenig-Warte, gleich neben der Rodelbahn Galitzinberg-Steinbruchwiese einen runden, weißen Tempel zwischen den Bäumen hervorleuchten sehen, besonders jetzt im Winter, wo er nicht hinter dichtem Laub verborgen liegt. Mit seinem Kuppeldach und seinen ionischen Säulen gibt sich das Bauwerk redlich Mühe, die Architektur der römischen Antike zu evozieren. Tatsächlich aber ist es natürlich keineswegs antik, vielmehr handelt es sich um ein Stück klassizistischer Gartenarchitektur, um den Rest einer Parkanlage des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Genauer gesagt: um den Rest der vielleicht bedeutendsten Wiener Parkanlage jener Zeit, des Landgutes des Fürsten Galitzin.

Dort wo heute das Schloss Wilhelminenberg steht, ließ nämlich 1785 der russische Botschafter, Dmitri Michailowitsch Galitzin (1721–1793), ein kleines Schloss als seine Sommerresidenz errichten. Damals wurde der steil nach Osten abfallende Standort noch mit dem sprechenden Namen ‚Predigtstuhl‘ bezeichnet, doch schon bald wurde er nach dem neuen Schlossherrn ‚Galitzinberg‘ genannt. (Im späten 19. Jahrhundert schließlich setzte sich die Benennung ‚Wilhelminenberg‘ durch, nach der damaligen Besitzerin des Landguts, Wilhelmine von Montléart.) Eine kolorierte Radierung von ca. 1810 zeigt das Galitzin’sche Schloss in seinem ursprünglichen Zustand:

Ansicht des Lustschlosses auf dem fürstlich Galitzin’schen Landgute, genannt Predigtstuhl
Stich von Johann Ziegler nach einer Vorlage von Lorenz Janscha, um 1810
[Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv Austria]

Es handelte sich um einen eingeschoßigen Bau, der noch deutlich kleiner war als das heutige Schloss Wilhelminenberg, ein richtiges Lustschlösschen eben. Nur der Mittelteil mit dem zentralen Saal war durch sein erhöhtes Dach und durch eine klassizistische Tempelfront hervorgehoben. Zu beiden Seiten des Schlosses zeigt die Radierung freistehende Nebengebäude, im Vordergrund aber einen Teich mit einem hölzernen Schwanhaus, der vom Schloss zur Parkanlage überleitete.

Der Park war es auch, der den Landsitz des Fürsten Galitzin am Predigtstuhl so besonders machte. Denn es handelte sich um die erste große Gartenanlage im Gebiet des heutigen Wien, die nicht mehr nach barockem Muster mit geometrisch angeordneten Buchsbaumhecken konzipiert wurde, sondern als Landschaftspark nach englischem Vorbild. Zwar war sie selbstverständlich ebenfalls penibel geplant, doch an die Stelle von Regelmäßigkeit und Symmetrie traten Wälder und Wiesen, die in loser, pittoresk anmutender Anordnung über die Hänge verstreut wurden. An mehreren exponierten Punkten in dieser künstlichen Landschaft wurden kleine Gartenarchitekturen errichtet, die gleichermaßen als Blickfang wie als Aufenthaltsorte und Aussichtspunkte dienten.

Das Landgut des Fürsten von Galitzin auf dem Predigtstuhl
Stich von Kilian Ponheimer nach einer Vorlage von Adam Braun, 1790
[Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv Austria]

Das Prunkstück darunter bildeten die neu errichteten ‚römischen Ruinen‘, damals ein Must-Have in jedem fürstlichen Garten, für das es mit der Römischen Ruine in Schönbrunn auch in Wien ein prominentes Vorbild gab. Eine 1790, also noch zu Lebzeiten Galitzins, entstandene Ansicht des Landguts am Predigtstuhl zeigt diese ‚Ruinen‘ denn auch prominent im Vordergrund [s. Bild oben], und Franz Anton de Paula Gaheis’ 1794 gedruckte Spazierfahrten in die Gegenden um Wien geben eine ausführliche Beschreibung davon:

„Sie sind mit solcher Kunst und Täuschung verfertiget, daß man Mühe hat, sie für Werke unserer Zeiten anzusehen. Die im echt römischen Style angebrachte Inschrift hilft diese Täuschung noch vermehren. Man glaubt wirklich ehrwürdige Rudera des Alterthums vor sich zu sehen, wenn man die zerbrochenen Säulen, die eingestürzten Thorbögen, die herumliegenden, mit Moos bewachsenen Bruchstücke, und die auf dem Gemäuer wachsenden Pflanzen, denen man die pflegende Hand des Gärtners kaum anmerkt, erblickt. Diese schauerliche Empfindung wird durch die dabey gepflanzten Tannen und Fichtenbäume nur noch mehr erhöht.“1

Auf der Ansicht von 1790 ist auch der eingangs gezeigte Rundtempel mit den ionischen Säulen zu sehen: Man erkennt ihn im Bildmittelgrund, auf einem Hang ein Stück links vom Schloss. Eine Allee von jungen Bäumen oder Sträuchern führt zu ihm hinauf. Nach hinten ist er von Wald umschlossen, vorne, zum Hang hin, steht er jedoch frei und bot wohl eine hervorragende Aussicht in die Umgebung.

Vermutlich ist es auch dieser Tempel, über den de Paula Gaheis’ in seinen Spazierfahrten weiter schreibt: „Mit einer Wendung gegen Westen nimmt man einen lachenden Tempel gewahr, der im neuesten Geschmacke und sehr solid aufgeführet ist. Von demselben schlängeln sich verschiedene Wege rechts und links durch den Waldgarten hinan und hinab; und führen auf allen Seiten zu den überraschendsten Parthien und natürlich schönen Anlagen. Jedermann wird bey Durchwandlung derselben von selbst die Bemerkung machen, daß unter allen künstlichen Lustgegenden um Wien keine so viel Ungekünsteltes, Naturähnliches, Ungesuchtes habe, wie diese.“2

Es könnte allerdings auch sein, dass sich die Passage auf ein anderes Bauwerk im Galitzin’schen Park bezieht, nämlich auf den gotischen Tempel, von dem ebenfalls eine zeitgenössische Ansicht überliefert ist:

Der Gothische Tempel auf dem fürstlich Galitzin’schen Landgute, genannt Predigtstuhl
Stich von Johann Ziegler nach einer Vorlage von Lorenz Janscha, um 1810
[Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv Austria]

Es handelte sich dabei um einen der ersten neugotischen Bauten überhaupt in Wien. Mit der mittelalterlichen Architektur hatte er freilich nicht mehr gemeinsam als die Verwendung spitzbogiger Arkaden. Die Grundform als offener, von einer Kuppel bekrönter Rundtempel steht hingegen in derselben klassizistischen Tradition wie der ‚ionische‘ Tempel, die ‚römischen Ruinen‘ und das Schlossgebäude selbst.

Das Schloss des Fürsten Galitzin wurde im 19. Jahrhundert umgebaut und erweitert, in den Jahren 1903 bis 1908 jedoch endgültig abgerissen und durch einen deutlich größeren Neubau – das Schloss Wilhelminenberg – ersetzt. Der Park ist längst zu einer ‚richtigen‘ Waldlandschaft verwachsen, der gotische Tempel zerstört, und von den ‚römischen Ruinen‘ sind nur noch rudimentäre Reste, gleichsam Ruinen von Ruinen, vorhanden. So bildet heute der Rundtempel bei der Rodelbahn das letzte Erinnerungsmal an ein verlorenes Ensemble, dem in der Geschichte der Wiener Bau-, aber mehr noch der Gartenkunst eine so bedeutende Stellung zukam.


1. Franz Anton de Paula Gaheis, Spazierfahrten in die Gegenden um Wien. Den Freunden des ländlichen Vergnügens gewidmet, Wien 1794, S. 53.

2. Franz Anton de Paula Gaheis, Spazierfahrten in die Gegenden um Wien. Den Freunden des ländlichen Vergnügens gewidmet, Wien 1794, S. 53-54.

Neujahrskonzert der Frauen

Damen-Orchester Wiener Walzer – Direction: Ludmilla Gehrecke, um 1899
[Bildquelle: Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten / Lizenz CC BY-NC-SA 3.0]

Wie an jedem 1. Jänner seit 1941 ging heute im Großen Musikvereinssaal in Wien das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker über die Bühne, das die Werke der Strauß-Dynastie und ihrer Zeitgenossen zelebriert. In den letzten Jahren wurde immer wieder einmal die kritische Frage laut, ob es im 21. Jahrhundert nicht doch allmählich an der Zeit wäre, dass bei diesem prestigereichen Konzert auch einmal eine Frau als Dirigentin zum Zug kommt. Diesen Gedanken weiterspinnend, will ich hier die ketzerische Überlegung in den Raum stellen, ob man nicht vielleicht einmal einen Walzer aus der Feder einer Komponistin ins Programm aufnehmen könnte. Denn seit einigen Jahren beginnt sich langsam auch die Erkenntnis auszubreiten, dass es in allen Epochen der Musikgeschichte bedeutende weibliche Komponistinnen gab. Die Betonung liegt allerdings auf langsam. So ist es im öffentlichen Bewusstsein nach wie vor kaum präsent, dass es zur Zeit von Johann Strauß Vater und Sohn selbstverständlich auch Frauen gab, die Walzer, Märsche und Polkas komponierten.

Ich habe daher einmal ein wenig in den von der Österreichischen Nationalbibliothek digitalisierten historischen Zeitungen gestöbert und dabei in den Kultur-, aber auch in den Gesellschaftsseiten zahlreiche Hinweise auf Tanzmusik aus der Feder von Frauen gefunden. Mehr als genug jedenfalls, um ein rein weibliches Konzertprogramm zusammenzustellen. Im Folgenden daher ein Vorschlag für ein alternatives Neujahrskonzert mit Werken von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts aus der Donaumonarchie:

Constanze Geiger, 1849
(Lithographie von Gabriel Decker)
[Bildquelle: Wikimedia Commons]

Constanze Geiger: Elisabeth-Vermählungsmarsch (1854)
Constanze Geiger (1835–1890) war Schauspielerin, Musikerin und Komponistin. Da ihr Vater Joseph Geiger ebenfalls Komponist war, wurde ihr musikalisches Talent schon früh erkannt und gefördert – nicht zuletzt von der Mutter, der Hofmodistin Theresia Geiger, die ihre Tochter erfolgreich als Wunderkind zu vermarkten trachtete. Bereits mit sechs Jahren trat Constanze Geiger als Konzertpianistin auf, mit neun trat sie erstmals auch als Komponistin in Erscheinung. Obwohl sie auch Kammer- und Kirchenmusik komponierte, lag der Schwerpunkt ihres Schaffens deutlich auf dem Gebiet der Tanzmusik, das sie in seiner ganzen Breite abdeckte: Neben Walzern und Ländlern schrieb sie auch Polkas und Märsche. So gesehen ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sie auch mit Johann Strauß Vater und Sohn befreundet war und dass beide Geigers Stücke auch mit ihren jeweiligen Ensembles zur Aufführung brachten. Nachdem sie 1861 den Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha geheiratet hatte, beendete Constanze Geiger ihre Karriere und zog sich ins Privatleben zurück.

Der Elisabeth-Vermählungsmarsch entstand anlässlich der Hochzeit von Kaiser Franz Joseph I. mit Elisabeth ‚Sisi‘ von Bayern. Das Stück erklang erstmals am 21. April 1854 beim feierlichen Empfang der Braut in Nussdorf bei Wien und wurde am Tag darauf bei ihrem Einzug in die Residenz wiederholt.1

[Ausführlicheres zur Biographie der Komponistin findet man hier und hier.]

Mathilde Ringelsberg: Waldblümchen-Polka (1848)
Mathilde Ringelsberg (1814/15–1877) war eine Prager Zeitgenossin Geigers. Die Tochter eines Arztes, verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Pianistin und Klavierlehrerin. Zwischen 1844 und 1858 sind jedoch auch rund ein Dutzend von ihr komponierte Polkas und Galopps nachweisbar. Ihre 1853 gedruckte Polka des chasseurs trägt allerdings bereits die Opuszahl 44, was auf ein wesentlich größeres Œuvre schließen lässt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte sie jedenfalls eine nicht ganz unbedeutende Rolle im Musikleben der böhmischen Hauptstadt gespielt haben, denn Prager Journalisten schreiben von ihr als „unserer beliebten“ bzw. „unserer talentvollen Tanz-Komponistin“. Die Waldblümchen-Polka wurde im Jänner 1848 bei einer Abendunterhaltung im Prager Conviktsaal durch die Kapelle des Regiments Wellington aufgeführt und kam beim Publikum so gut an, dass sie wiederholt werden musste. Eine Klavierfassung des Stücks erschien auch im Druck und ist noch in der Tschechischen Nationalbibliothek in Prag vorhanden.

Josefine Weinlich und ihr Damenorchester
(aus der Illustrirten Zeitung vom 25. Oktober 1873)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Josefine Weinlich: Edelweiß und Rauten, Walzer (1870)
Josefine Weinlich (1840 [oder 1848]–1887) ist wohl der bekannteste Name unter den hier aufgelisteten Komponistinnen. Ab den 1860er-Jahren trat sie in ihrer Heimatstadt Wien als Pianistin und Violinistin in Konzerten auf. 1868 gründete sie ein nur aus Frauen bestehendes Instrumental-Ensemble, das im Lauf der Jahre vom Quartett zum über-dreißigköpfigen Orchester anwuchs. Unter dem Namen „Erstes Europäisches Damenorchester“ absolvierte es mehrere erfolgreiche Tourneen durch Europa und die USA. Weinlich trat dabei nicht nur als Leiterin des Orchesters auf, sondern brachte – neben den obligatorischen Werken von Strauß und anderen – regelmäßig auch eigene Kompositionen zur Aufführung.

Der Walzer Edelweiß und Rauten stammt aus der Zeit, als das später international so erfolgreiche Ensemble noch als „J. Weinlich’s Damen-Kapelle“ in Wiener Vergnügungslokalen auftrat. Er wurde erstmals im März 1870 in der Schottenfelder Bierhalle aufgeführt und war den dortigen Stammgästen gewidmet.

[Ausführlicheres zur Biographie der Komponistin findet man hier, hier und hier.]

Gisela Frankl
(aus der Österreichischen Musik- und Theaterzeitung vom 15. Mai 1890)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Gisela Frankl: Auf Flügeln des Tanzes, Polka française (1888)
Die Wienerin Gisela Frankl (1860–?) erhielt schon als Kind Klavierunterricht bei Josef Dachs, studierte später am Konservatorium aber auch Kontrapunkt und Komposition. 1880 absolvierte sie die Staatsprüfung als „öffentliche Lehrerin für Clavier und Harmonielehre“ und gründete eine eigene Musikschule. Bekanntheit erlangte sie aber vor allem als Klaviervirtuosin und Komponistin. Eine biographische Skizze von 1890 erwähnt, dass schon rund 50 ihrer Kompositionen im Druck erschienen seien. Einige davon, heißt es dort weiter, „darunter ein Clavier-Quartett, ein Clavier-Trio, ein Violin-Duo, viele Lieder und Solo-Concertstücke für Clavier befinden sich auf dem Repertoire bewährter Musikkapellen und einiger Concert-Solisten, um überall mit ungetheiltem Beifall begrüsst zu werden.“ 1891 oder 1892 reiste die Komponistin mit ihrer Schwester, der Malerin Regine Frankl, in die USA, wo sie möglicherweise dauerhaft blieben. Über den weiteren Verlauf von Gisela Frankls Leben liegen danach jedenfalls keine gesicherten Nachrichten mehr vor.

Auf Flügeln des Tanzes ist, wie es ein zeitgenössischer Kritiker formuliert, eine „fesche“ Polka française, die 1888 entstand und von Frankl dem Komponisten Franz Krenn gewidmet wurde. Die Orchesterpartitur für 21 Stimmen ist in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden.

[Ausführlicheres zur Biographie der Komponistin findet man hier und hier.]

Antonie Woinovich-Reisinger: Walzer [Jugendträume?] (1875)
Über das Leben von Antonie Woinovich-Reisinger konnte ich leider kaum etwas herausfinden. Aufgrund ihres Namens nehme ich an, sie ist identisch mit Antonie (1831–1924), der Tochter des aus Böhmen stammenden k. k. Feldmarschallleutnants Maximilian Reising von Reisinger, die mit einem Johann von Woinovich verheiratet war. Ein von ihr komponierter Walzer kam im Februar 1875 am Grazer Stadttheater während der Wandel-Dekoration im Stück Der Zauberschleier zur Aufführung – „ein rhythmisch schön fallender, melodischer Walzer componirt von Madame de Woinovich née baronne Reisinger und instrumentirt von Herrn Capellmeister Strobl“, heißt es darüber in einer Kritik der Grazer Tagespost. Im Juni desselben Jahres erschien von ihr der Walzer Jugendträume, allerdings nur für Klavier, im Druck. Ich würde nicht ausschließen, dass es sich dabei um dasselbe Stück handelt, aber sicher ist das natürlich nicht. Ansonsten findet sich von Woinovich-Reisinger in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek noch ein Huldigungs-Marsch für Klavier. Da er dem Untertitel nach Zur Feier der silbernen Hochzeit des Allerhöchsten Kaiserpaares entstand, ist er wohl auf 1879 zu datieren.

Irma Löwe: Schöne Jugend, Polka française (1889)
Bei den Sommerkonzerten der Linzer Regimentsmusik kamen zwischen 1888 und 1890 mehrere Stücke „von der jugendlichen Componistin Irma Löwe, deren Tanzweisen sich öfters am Programme vorfinden und sehr ansprechen“ zur Aufführung. 1888 etwa gab es „einen sehr hübschen Walzer ‚Frühlingsboten‘ (…), welcher wiederholt werden musste“, 1889 „eine neue reizende Polka française ‚Schöne Jugend‘“. Zehn bis fünfzehn Jahre später begegnet in Konzertkritiken wiederholt eine Prager Klaviervirtuosin namens Irma Löwe. Ob sie mit der Komponistin identisch ist, konnte ich leider nicht herausfinden. Dass sie 1899 noch als jung bezeichnet wird, scheint mir eher dagegen zu sprechen, andererseits ist jung natürlich ein dehnbarer Begriff…

Paula von Philippovič: Bosnische Klänge, Walzer (1879)
Baronesse Paula von Philippovič war die Tochter von Joseph Philippovič von Philippsberg, einem hochrangigen Militär, der aus Kroatien stammte, von 1874 bis zu seinem Tod 1889 aber (mit Unterbrechungen) in Prag stationiert war. Ihre Lebensdaten sind mir leider nicht bekannt, doch dürfte sie noch relativ jung gewesen sein, als 1879 ihre erste Komposition aufgeführt wurde: der Walzer Bosnische Klänge, mit dem in jenem Jahr der Prager Garnisonball eröffnet wurde. Der Titel ist wohl eine Anspielung auf die im Jahr davor erfolgte Annexion Bosniens und der Herzegowina durch die österreichisch-ungarische Armee. Das Kommando bei dem Eroberungsfeldzug hatte Joseph Philippovič von Philippsberg geführt; insofern dürfte es sich bei dem Walzer vermutlich auch um eine Hommage der Komponistin an ihren Vater handeln.

Auch in den folgenden Jahren wurden auf den Prager Bällen regelmäßig Walzer, Polkas und mindestens ein Galopp (Auf Sturmesflügeln, 1881) von Paula von Philippovič gespielt. Nach 1885 lassen sich m. W. jedoch keine Tanzstücke mehr von ihr nachweisen. Dafür trat sie zwischen 1886 und 1890 als Komponistin von Liedern, die sie zum Teil auch selbst als Sängerin vortrug, in Erscheinung. Zu einem mir unbekannten Zeitpunkt heiratete sie Franz Freiherr Mladota von Solopisk, mit dem sie offenbar bis zu seinem Tod 1907 in Meran lebte. In ihren späteren Jahren scheint sie wechselweise in Meran, Bad Ischl, Salzburg und Wien gelebt zu haben. 1929 wird sie noch als lebend erwähnt, und das war dann auch schon alles, was ich über ihre Biographie in Erfahrung bringen konnte.

Nur eines noch: Eine Klavierfassung ihres Walzers Bosnische Klänge erschien 1879 auch im Druck. Sie ist nicht nur in der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden, sondern sogar online als Digitalisat abrufbar.

Johanna Sporck
(aus dem Wiener Salonblatt vom 8. April 1883)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Johanna Sporck, Krieg im Frieden, Galopp (1881)
Ich habe eben schon den Galopp Auf Sturmesflügeln von Paula von Philippovič erwähnt. Dieser wurde für den Prager Konkordia-Ball des Jahres 1881 geschrieben. Auf derselben Veranstaltung wurde auch ein Tanz einer anderen adeligen Dame dargeboten: der Galopp Krieg im Frieden von Gräfin Johanna Sporck, geb. von Mader (1832–1907). Als Tochter des Landrechtspräsidenten von Oberösterreich in Linz geboren, heiratete sie 1857 den Rittmeister Graf Eduard Sporck, mit dem sie Ende der 1860er-Jahre nach Prag übersiedelte, nachdem er dem dortgígen Landwehr-Kommando zugeteilt worden war. Das Paar nahm im öffentlichen Leben der böhmischen Hauptstadt eine bedeutende Stellung ein, wobei sich Johanna Sporck vor allem durch ihr soziales Engagement hervortat. Unter anderem förderte sie den Patriotischen Frauenhilfsverein und den Prager Asylverein für Obdachlose.

Wie Paula von Philippovič steuerte auch Johanna Sporck in den Jahren um 1880 wiederholt Tanzkompositionen zu diversen Prager Bällen bei. Daneben trat sie auch als Lyrikerin an die Öffentlichkeit und publizierte sowohl hochdeutsche Gedichte als auch solche im österreichischen Dialekt. Zuweilen scheint sie ihre beiden Begabungen auch verbunden zu haben, etwa in der 1883 entstandenen „Wort- und Musikdichtung“ Begrabenes Glück.

Marie Henriette Gräfin Chotek, um 1906
[Bildquelle: Wikimedia Commons]

Gräfin Marie Chotek: Sommerregen, Walzer (1884)
Nach dem eben Gesagten wird sich wohl niemand wundern, dass auch auf dem Prager Societätsball im Februar 1884 Stücke von Paula von Philippovič (Polka Elektrisch) und Johanna Sporck (Polka mazur Sanskrit) dargeboten wurden. Teil des Musikprogramms war dort aber auch der Walzer Sommerregen, der laut einer zeitgenössischen Kritik von einer „Gräfin M. Chotek“ stammte. Vermutlich handelt es sich bei der Genannten um jene Marie Henriette Gräfin Chotek (1863–1946), die später als „Rosengräfin“ eine gewisse Bekanntheit erlangte. Zeit ihres Lebens unverheiratet, zog sie sich nach 1890 auf ihr Landgut in Unterkruppa zurück, um sich ganz ihrer großen Leidenschaft, dem Rosenzüchten, hinzugeben. Also nicht ganz. Auch sie war sozial engagiert und setzte sich etwa für arme Familien und Waisenkinder ein. Über weitere Kompositionen aus ihrer Feder ist mir nichts bekannt.

Malvine O’Donnell: Walzer aus der Posse Ein Druckfehler (1883)
Noch eine Gräfin, und was für eine! Wenn man den Erinnerungen ihres Nachfahren Charles Farkas glauben kann, dann war Malvine O’Donnell, geb. Tarnóczy (1831–1915), eine sehr lebenslustige, geradezu exzentrische Persönlichkeit, die schon einmal die Räuber, die sie eigentlich auf ihrem einsamen Schloss überfallen wollten, einfach hereinbat und zum Abendessen einlud… Mit ihrem zweiten Mann, dem 14 Jahre jüngeren Graf Henrik O’Donnell, lebte sie ab 1870 abwechselnd in Budapest und auf dem Schloss ihrer Eltern. Sowohl literarisch als auch musikalisch begabt, schrieb sie unter anderem die einaktige Posse Ein Druckfehler, die 1883 am Deutschen Theater in Budapest zur Aufführung gelangte. Wie ein Rezensent betonte, stammten „von ihr auch die Couplets in der Posse sowie die Operetten-Arien, Walzer und Märsche, welche die Zwischenmusik bilden werden.“ Drei Jahre später folgte die Operette A férfi gyűlölők (Die Männerfeindin), zu der sie ebenfalls Text und Musik verfasste. 1892 werden in einer Ballbesprechung noch vage von ihr komponierte Tanzstücke erwähnt.

Klara Küry, 1892
(Rollenporträt als Roxelane in György Verős Operette
Der Sultan)
[Bildquelle: Wikimedia Commons]

Klara Küry: Zápor (Platzregen), Polka schnell (1894)
Klara Küry (1870–1935) war eine ungarische Schauspielerin und Operetten-Soubrette. Als Sängerin absolvierte sie auch Gastspiele in Prag und Wien. Den Großteil ihrer ausgesprochen erfolgreichen Karriere verbrachte sie jedoch in Budapest, wo sie jahrelang die Primadonna des Volkstheaters war. 1894 erschien unter dem Titel Zápor (Platzregen) ein von ihr komponiertes Musikstück im Druck – „der sprühenden Laune der Komponistin entsprechend, selbstverständlich eine Schnellpolka“, wie ein Rezensent damals anmerkte. Er erwähnt auch, dass es sich um Kürys erste Komposition handelte. Ob dieser noch weitere folgten, konnte ich leider nicht eruieren.

Emma Neuberger: Czernowitzer Mercur-Walzer (1899)
Emma Neuberger stammte aus Czernowitz und erhielt ihre musikalische Ausbildung zunächst an der dortigen Musikvereinsschule. In offenbar noch recht jungem Alter komponierte sie 1898–1899 mehrere Tänze, die auf Bällen und ähnlichen Veranstaltungen in ihrer Heimatstadt aufgeführt wurden. Einer davon ist der Czernowitzer Mercur-Walzer, der für das Kaufmännische Kränzchen am 30. Dezember 1899 – zum Auftakt der Faschings-Saison – bestimmt war.

Im Jahr 1900 komponierte Neuberger einen Festmarsch zum 70. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph I. Das Stück wurde an den Wiener Hof übersandt, wo es dankend angenommen wurde. Ein Ehrengeschenk von zehn Dukaten in Gold wurde der Komponistin ebenfalls dafür überreicht.  Im selben Jahr übersiedelte Neuberger selbst nach Wien, „um sich am dortigen Conservatorium in der Compositionslehre zu vervollkommnen.“ Nach Abschluss dieser Ausbildung dürfte sie wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt zu sein, denn in den folgenden Jahren scheint sie wieder das eine oder andere Mal als Komponistin und Pianistin in der Czernowitzer Lokalpresse auf. Im September 1905 heiratete sie in Czernowitz den Wiener Komponisten Josef Heller. Zeitungsberichten zufolge arbeitete das Paar damals gemeinsam an einer Operette. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht. 1907 jedenfalls kam am Wiener Carl-Theater die Operette Das Weiberdorf auf die Bühne – Komponist: Josef Heller. Es ist wohl nicht ganz auszuschließen, dass Heller dieses Werk in Wirklichkeit gemeinsam mit Emma Neuberger schuf. Dass auf die Nennung der Frau in den Credits ‚vergessen‘ wurde, wäre zumindest kein Einzelfall…

Nach der Eheschließung übersiedelte Neuberger offenbar zusammen mit ihrem Mann wieder nach Wien, wo sie noch bis 1914 als Gast auf diversen Bällen, Künstlerfesten und dergleichen erwähnt wird. 1913 wird ihre Adresse mit Porzellangasse 60, ihr Beruf als Pianistin angegeben. Spätere Nachrichten über sie konnte ich keine mehr finden.

Minna Hufnagel: Viribus Unitis, Marsch (1890)
Minna Hufnagel wird zwischen 1887 und 1891 als Mitglied des Wiener Gesangvereins Sangesfreunde erwähnt und trat regelmäßig auf den diversen Festen des Vereins als Pianistin auf. 1890 wurde bei der Silvesterfeier des Vereins auch der von Hufnagel komponierte Marsch Viribus Unitis von der Militärveteranen-Corpskapelle Nr. 1 FM Fürst Edmund zu Schwarzenberg zum Besten gegeben und fand so großen Anklang, dass er wiederholt werden musste. Im Jahr darauf wurde eine Polka von ihr auf einer Liedertafel des Männergesangvereins der Kamm- und Fächermacher Wiens von einer Salonkapelle zu Gehör gebracht. Spätere Nachrichten konnte ich keine mehr zu ihr finden. Da sie bis 1891 stets als ‚Fräulein‘ genannt wird, kann es natürlich auch sein, dass sie später nicht mehr aufscheint, weil sie geheiratet und ihren Namen geändert hat.

Camilla Schwarz: Mädchenlaunen, Walzer (1892)
Der Walzer wurde im Februar 1892 beim Wiener Concipienten-Kränzchen erstmals aufgeführt, gleichzeitig erschien ein Klavierauszug im Druck. Das von der Kritik wohlwollend aufgenommene Stück war auch noch im Dezember 1893 bei einem Konzert im Kursalon zu hören. Wenige Wochen darauf, zu Neujahr 1894, starb die noch junge Komponistin an einem Herzschlag, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Verlobter am Großglockner tödlich verunglückt war. „Das traurige Schicksal ihres Bräutigams“, schrieb dazu der Pester Lloyd, „hat ein Herzleiden, an welchem das Fräulein litt, zu so traurigem Abschluß gebracht.“

Sidy Lipschütz: Habt acht!, Polka (1894)
In einem Bericht über den Einjährig-Freiwilligen-Ball in Wien schreibt Die Presse am 24. Februar 1894: „Der Abend brachte zwei treffliche musikalische Widmungen, einen reizenden Walzer ‚bis zur Tagwache‘ vom Einjährig-Freiwilligen Gasteiner und eine ebenso graziöse wie prickelnde Polka ‚Habt Acht!‘ von Fräulein Sidy Lipschütz. Die anmuthige Componistin, welche schwesterliche Bande mit einem Einjährig-Freiwilligen verknüpfen, wurde zu dem Erfolge ihrer lebhaft zur Wiederholung begehrten Widmung vielfach beglückwünscht.“ Leider konnte ich weder über das Stück noch über die Komponistin mehr in Erfahrung bringen.

Anna Gräfin von Stubenberg: Herzen und Scherzen, Walzer (1896)
Anna von Stubenberg (1821–1912) stammte aus einem alten steirischen Adelsgeschlecht, wuchs aber in Budapest auf, wo sie in einem Privatinstitut eine umfassende Bildung erhielt. Im Gegensatz zu den meisten hier aufgelisteten Frauen aus dem Adel, trat sie nicht nur für wenige Jahre, sondern über mehrere Jahrzehnte als Komponistin in Erscheinung und schuf mehr als 160 Werke der Instrumental- und Vokalmusik. Ihre ersten Kompositionen entstanden, soweit sich feststellen lässt, allerdings vergleichsweise spät, erst 1848 – eine Reihe von Trauermärschen, in denen sie den frühen Tod ihres zweiten Mannes Friedrich Graf Zichy von Zich und Báfonykeő verarbeitete.

Neben Kammermusik komponierte sie in der Folge vor allem Tanzmusik: Polkas, Mazurs, Walzer, Quadrillen, alles meist mit einem gewissen ungarischen oder polnischen Einschlag. Um 1880 wandelte sich ihr Stil, und sie griff verstärkt auf Elemente der steirischen Volksmusik zurück. Neben die nach wie vor stark vertretenen Tänze traten in dieser Phase vermehrt Liedkompositionen, viele davon mit Texte im steirischen Dialekt. Der 1896 entstandene Walzer Herzen und Scherzen war Anna von Stubenbergs hundertste Komposition. Trotz seiner späten Entstehungszeit war er, einem Rezensenten zufolge, „im Alt-Lanner’schen Stile“ gehalten.

[Ausführlicheres zur Biographie der Komponistin findet man hier und hier.]

Antonie Rassaur-Marinelli: Aus Österreichs treuem Süden, Walzer (1898/1904)
Eine steirische Adelige war auch Antonie Rassaur-Marinelli. Von ihr sind zwischen 1888 und 1904 sowohl Tanz- als auch Lied-Kompositionen nachweisbar. Ihr Walzer Aus Österreichs treuem Süden ist Kaiser Franz Jospeh I. gewidmet und entstand vermutlich anlässlich von dessen 50. Thronjubiläum 1898. Das Stück wurde aber auch noch 1904 bei einem Promenadekonzert in Graz aufgeführt. Die handschriftliche Partitur – möglicherweise ein Autograph der Komponistin – ist in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten.

Bertha Burkhard: Österreich, Marsch (1901)
Keine Adelige, sondern die Frau eines Industriellen war Bertha Burkhard, geb. Pfeifer (1862–1929). Sie heiratete 1886 den Fabrikbesitzer Heinrich Burkhard. Die Villa des Paares in Wiener Neustadt war um die Jahrhundertwende ein wichtiges kulturelles Zentrum der Stadt: „Frau Bertha Burkhard war nämlich eine ausgezeichnete Pianistin und es verkehrten Schauspieler, Sänger, Musikerund Maler zu geselligen Ereignissen und Hausmusikabendenen bei Burkhards.“2 Als Komponistin betätigte sich Burkhard allem Anschein nach nur sporadisch. Nachweisbar sind immerhin zwei von ihr komponierte Walzer und der Marsch Österreich. Letzterer scheint 1901 als Eröffnungsnummer in einem Konzert des Grazer Symphonie-Orchesters auf. Ein Klavierauszug des Stücks erschien auch im Druck; er ist in dem Beständen der Wienbibliothek vorhanden.

Konzertankündigung mit Werken von Bertha Burkhard & Anna von Stubenberg
(aus dem Grazer Volksblatt vom 19. November 1901
)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Soweit das hypothetische Konzertprogramm… Es wird vielleicht aufgefallen sein, dass unter den Schöpferinnen der aufgelisteten Werke vergleichsweise wenige sind, die tatsächlich als professionelle Komponistinnen Karriere machten. Aber es war eben doch ein Karriereweg, zu dem Frauen damals, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt ermutigt wurden… Zugleich wird aber auffallen, dass gerade auch die „nebenberuflichen“ Komponistinnen, vor allem solche adeliger Abstammung, eine nicht zu unterschätzender Rolle in der Musikkultur jener Zeit spielten – ganz besonders im Bereich der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Ja, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in den Ballsälen, Tanzlokalen und Kur-Salons des Habsburgerreichs der Anteil von Komponistinnen im Programm oft höher war, als dies heute gemeinhin der Fall ist.

Wie das hier zusammengestellte Programm eigentlich klingen würde, kann ich freilich nicht sagen, denn von keinem der erwähnten Stücke scheint es moderne Aufnahmen zu geben, und selbst die Noten scheinen nur in den wenigsten Fällen überliefert zu sein. Und wenn doch einmal eines im Druck erschien, dann meist nicht in der Orchesterfassung, sondern nur als Klavierauszug. Walzer und Polkas nur für Klavier sind von den hier genannten und anderen Komponistinnen jener Zeit dafür in vergleichsweise großer Zahl erhalten. Allein die Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek und der Wienbibliothek bieten diesbezüglich genug Material, um auch ein ganz reales Konzertprogramm oder Album daraus zu machen. Wollte ich nur abschließend erwähnt haben, falls hier vielleicht Pianist*innen mitlesen…

P. S.: Detaillierte Nachweise der zitierten Quellen werden in den nächsten Tagen noch nachgetragen.


1. „Mit dieser Composition wurde die jugendliche Kaiserbraut bei Ihrem Landen in Nußdorf zuerst begrüßt; denn die daselbst aufgestellten Militärmusikbanden trugen bei dieser Gelegenheit den schönen Marsch des Fräuleins Constanze Geiger vor. Ebenso wurde derselbe am nächsten Tage beim festlichen Einzug der erhabenen Kaiserin in die Residenz von den Musikbanden abwechselnd mit andern Tonstücken gespielt. Es ist dieß die gerechteste Würdigung des ausgezeichneten Compositionstalentes der jungen Künstlerin, die schon so vielfältige Proben desselben gegeben, und es so häufig in echt patriotischer Weise, so wie zu den humansten Zwecken zur Geltung brachte.“

2. 150 Jahre Franz Burkhard’s Söhne. Von den Anfängen bis heute: Chronik eines Familienbetriebes, Ternitz 2002, S. 41.

Das Franz Josephs-Tor in Wien

Das Franz Josefs-Tor in Wien (Außenansicht), um 1880
[Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv Austria]

Von allen ehemaligen Wiener Stadttoren ist das Franz Josephs-Tor wohl das am wenigsten bekannte. Das ist auch nicht allzu verwunderlich, denn schließlich existierte es kaum ein halbes Jahrhundert lang. Es entstand 1850 bis 1855 als Teil einer ersten Phase der Stadterweiterung und -erneuerung, an die sich heute kaum noch jemand erinnert, weil sie ab 1857 vom großen Ringstraßen-Projekt umgehend wieder ‚ausradiert‘ wurde. Auch das Franz Josephs-Tor wurde 1901 wieder abgerissen, um der Ringstraße Platz zu machen, und geriet dann rasch in Vergessenheit…

Aber der Reihe nach: Ende der 1840er-Jahre ging man daran, die nordöstliche Ecke der Wiener Innenstadt – das sogenannte Stubenviertel – neu zu gestalten. Dieses wird nach Norden hin vom Donaukanal abgeschlossen, nach Osten vom Wienfluss. Die eigentliche Begrenzung des Grätzels bildeten aber natürlich nicht die Wasserläufe, sondern die damals noch bestehende Stadtbefestigung mit ihren Wällen und Basteien. Nun gab es hier an der Ostseite, zwischen Biber- und Dominikanerbastei nur einen vergleichsweise schmalen, schmucklosen Zugang zur Innenstadt, nämlich das 1770 angelegte Mauttor.

Verlauf der ehm. Wiener Stadtbefestigung im Bereich des Stubenviertels
[Detail aus: Wiener Stadtbefestigung, Stand 1809, auf einem modernen Stadtplan,
von Wikimedia-user:Gugerell mit Open Street Map erstellt; CC-BY-SA 2.0]

Diese Zugangssituation erwies sich zunehmend als Problem, nachdem zwischen 1840 und 1847 am jenseitigen Ufer des Wienflusses (im heutigen Dritten Bezirk) zuerst das neue Hauptzollamt und dann die Finanzlandesdirektion errichtet wurden. Denn durch diese neuangelegten Verwaltungsgebäude stieg der Verkehr, insbesondere der Güterverkehr, an dieser Ecke der Stadt deutlich an und ließ den Bau eines größeren Tores zu einem dringenden Anliegen werden.

Im Februar 1849 wurde daher ein Wettbewerb für die Errichtung eines neuen Stadttores ausgeschrieben. Im Vergleich zum alten Mauttor sollte es ein Stück weiter östlich, im Bereich des heutigen Georg-Coch-Platzes, erbaut werden. Dafür mussten auch die Wallanlagen etwas nach Osten gerückt werden, sodass mit dem Projekt auch eine geringfügige Stadterweiterung verbunden war. Das Tor war der erste Monumentalbau in Wien, der unter der Regentschaft von Kaiser Franz Joseph projektiert wurde. Es lag daher nahe, die Portalanlage nach dem frischgekrönten Herrscher zu benennen.1

Das Franz Josephs-Tor war auch einer der ersten öffentlichen Bauten in Wien, für den ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Acht Architekten reichten insgesamt elf Projekte ein, über die in den Jurysitzungen teils heftig diskutiert wurde. Vor allem die Juroren Peter Nobile, Eduard van der Nüll und Ferdinand Fellner bevorzugten den Entwurf von Ludwig Förster und Theophil Hansen, doch setzten die Vertreter von Militär und Baubehörde durch, dass dieser vom Bewerb ausgeschlossen wurde, weil er in einigen Details vom ausgeschriebenen Programm abwich. So setzte sich am Ende das Projekt des aus Prag stammenden Carl Rziwnatz durch.2

Rziwnatz erhielt nicht nur das Preisgeld von 80 Dukaten, ihm wurde auch die Bauleitung übertragen. Mit der Errichtung des Stadttors wurde 1850 begonnen; fünf Jahre später, im September 1855, wurde es feierlich eingeweiht. Im letzten Baujahr dürfte aber hauptsächlich nur mehr am Skulpturenschmuck gearbeitet worden sein. Die Österreichische Illustrirte Zeitung nämlich berichtet schon im Oktober 1854 von der Vollendung des Tores und bringt dazu die nachstehende Abbildung.3

Das Franz Josephs-Tor und das Postgebäude, 1854
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Die Illustration zeigt das weitestgehend vollendete Tor noch freistehend vor dem Hintergrund des damals ebenfalls gerade erneuerten Postgebäudes. Diese Situation sollte sich jedoch rasch ändern, denn im selben Jahr 1854 begann man links und rechts von dem Tor mit der Errichtung der Franz Josephs-Kaserne. Wie das Arsenal und die Rossauer Kaserne war diese Teil eines Festungsrings, der infolge der Revolution von 1848 um die Stadt gelegt wurde, damit das Militär gegebenenfalls rasch bei der Hand war, um gegen aufständische Bürger vorzugehen. Die 1857 fertig gestellte Franz Josephs-Kaserne bestand aus zwei identisch gestalteten Baukörpern, die sich zu beiden Seiten des gleichnamigen Tores erhoben und durch dieses verbunden wurden. Mit ihren mächtigen Ecktürmen bildete sie – vor allem vom Wienfluss her betrachtet – eine eindrucksvolle visuelle Machtdemonstration.

Das Franz Josephs-Tor, die Franz Josephs-Kaserne und die Radetzkybrücke, 1857
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Der Bestand der Kaserne war indes von kurzer Dauer: Weniger als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Erbauung, wurde sie im Jahr 1900 geschleift, um dem letzten Abschnitt der Ringstraße Platz zu machen. Auch das Franz Josephs-Tor wurde damals zerstört, doch erlauben zeitgenössische Abbildungen, Fotografien und Beschreibungen, sich noch ein gutes Bild davon zu machen.

Das Franz Josephs-Tor (Außenansicht), 1897
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

In seiner Grundform erinnerte das Stadttor an antike Triumphbögen, auch wenn sich in der Mitte nicht nur ein Torbogen öffnete, sondern zwei. Das entsprach der Vorgabe der Ausschreibung, dass es „eine Doppelfahrbahn zur ungehinderten Passage der ein- und ausfahrenden Wagen jeder Gattung“ geben müsse.4 Daneben gab es links und rechts je einen Durchgang für Fußgänger. Die niedrigeren Seitenflügel der Toranlage schließlich enthielten Wachstuben und Magazine.5

Die Seitenflügel waren aus farbigen Wienerberger Ziegeln gemauert, für das eigentliche Tor wurde der sogenannte Kaiserstein, ein Leithakalk aus Kaisersteinbruch, verwendet.6 An der zum Wienfluss weisenden Außenseite kamen dabei große Quader zum Einsatz, die dem Bauwerk einen wehrhaften Anstrich verliehen.

Das Franz Josephs-Tor (stadtseitige Ansicht), 1899
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

An der zur Stadt hin gelegenen Innenseite gab sich das Tor etwas weniger martialisch. Hier dominierten glatte Steinoberflächen, dafür waren die Seitenflügel ebenfalls durch Bögen geöffnet und mit bauplastischem Schmuck versehen. An der Stadtseite wurde das Tor zudem von einer plastischen Figurengruppe bekrönt, die der Bildhauer Franz Bauer geschaffen hatte. Sie stellte die Tugenden der Weisheit und der Stärke dar, die gemeinsam die Kaiserkrone über einen Schild mit dem Wappen des Hauses Habsburg-Lothringen hielten.7

An der äußeren Seite hingegen prangte an der entsprechenden Stelle der Doppeladler mit dem österreichischen Wappen im Brustschild. Zu seinen Füßen befand sich ein Schriftband, auf dem in goldenen Buchstaben das Motto „Viribus Unitis“ („Mit vereinten Kräften“) zu lesen war. Dieser persönliche Wahlspruch des Kaisers fand hier erstmals an einem öffentlichen Gebäude Verwendung. Seine Anbringung an dem Stadttor nahm auch Bezug auf das 1821–1824 errichtete Burgtor, das den Wahlspruch Kaiser Franz I., „Justitia Regnorum Fundamentum“ („Die Gerechtigkeit ist der Grundstein der Reiche“), trägt.8

Unterhalb von Doppeladler und Spruchband war am Franz Josephs-Tor eine Statue angebracht, welche die Wappenschilde von Österreich und Wien in Händen hielt. Die geflügelte, an einen Engel gemahnende Figur sollte „Österreichs Genius“ darstellen.9

Franz Josephs-Tor, Detail des Skulpturenschmucks an der Außenseite, 1897
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Was den Baustil betrifft, orientierte sich Rziwnatz’ Entwurf an der italienischen Renaissance. So vollzieht das Franz Josephs-Tor als einer der ersten Monumentalbauten Wiens den Übergang vom biedermeierlichen Klassizismus zum Historismus der Ringstraßenzeit. In seiner Rolle als einer der Gründungsbauten des Historismus wurde das Stadttor auch noch im späten 19. Jahrhunderten von der Kritik gewürdigt. In einem Bericht der Tageszeitung Die Presse vom 11. März 1888 heißt es etwa, „in der Altlerchenfelderkirche, dem Arsenal, dem Franz-Josef-Thor, in den Leistungen Rösner’s, Ludwig Förster’s, Müller’s“, zeigten sich „die ersten Regungen eines Schaffens (…), das die Wiener Architektur von den Fesseln des Bureaus erlösen sollte, in denen der Genius dieser edelsten Kunst seit Josef II. schmachtete.“10 Und fünf Jahre später liest man in demselben Blatt, einer der „namhaftesten Kunstforscher der Gegenwart“ habe das Tor „mit Recht als ‚eines der besten Werke der Architektur aus dem Vorfrühling der modernen Wiener Renaissance‘ bezeichnet.“11

Die anhaltende Wertschätzung zeigt sich auch in den Initiativen zur Rettung des Tores in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Denn um 1890 konkretisierten sich die Pläne zum Abbruch der mittlerweile veralteten Franz Josephs-Kaserne, „welche weder in militärischer, noch aber in sanitärer Hinsicht den berechtigten Anforderungen entspricht, und deren Fortbestand die Ringstrasse zu einem Torso macht.“12 Im November 1892 wurde schließlich ein Wettbewerb zur Regulierung des Stubenviertels ausgeschrieben, um hier anstelle der Kaserne den letzten noch fehlenden Abschnitt der Ringstraße fertigzustellen. Bezeichnenderweise waren unter den 30 eingereichten Projekten mehrere, die versuchten, das Franz Josephs-Tor zu erhalten und in das neue Verbauungskonzept zu integrieren.13 Auch das Siegerprojekt von dem brüderlichen Architektenteam Karl, Julius und Rudolf Mayreder sah vor, das alte Tor nur um einige Meter zu versetzen und zum Hofportal eines neu zu errichtenden Ministeriums umzufunktionieren.14

Karl, Julius & Rudolf Mayreder: Entwurf eines Bürogebäudes für das k.k. Handels-Ministerium im Stubenviertel, unter Verwendung des Franz Josephs-Tores, 1893
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Obwohl sie den ersten Preis erlangt hatten, wurden die Pläne der Brüder Mayreder am Ende aber doch nicht verwirklicht. Stattdessen erfolgte die Neugestaltung des Stubenviertels nach den Vorgaben von Otto Wagner, der nicht nur für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnete, sondern hier mit der Postsparkasse am Georg-Coch-Platz auch eines seiner bedeutendsten Bauwerke realisieren konnte. Für das alte Stadttor jedoch gab es in Wagners Konzept keinen Platz mehr…

Die Franz Josephs-Kaserne kurz nach Beginn der Demolierung, April 1900
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Im März 1900 wurde mit der Demolierung der Kaserne begonnen. Ursprünglich war vorgesehen, zuerst den südlichen, Richtung Wollzeile gelegenen Block abzureißen, dann das Stadttor und zuletzt den nördlichen Kasernentrakt.15 Tatsächlich scheint man die Reihenfolge aber geändert und das Tor bis zum Schluss aufgehoben zu haben. Denn noch am 1. Jänner 1901 bringt die Illustrirte Rundschau eine – vielleicht die letzte – Abbildung des mittlerweile wieder freistehenden Stadttors und beschreibt die Situation nicht ohne ein gewisses Pathos: „Während an der Ecke des Franz Josef-Exercierplatzes die ersten Neubauten emporstreben und der übrige Theil des Platzes von den Trümmern der demolirten Kaserne übersäet ist, steht das reizende Thor, das bis vor Kurzem die beiden massigen Kasernenflügel verband, noch unberührt inmitten des allgemeinen Chaos da.“16

Das Franz Josephs-Tor kurz vor der Demolierung, Dezember 1900
(aus der Illustrirten Rundschau vom 1. Jänner 1901)
[Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO]

Dass man das Franz Josephs-Tor doch etwas länger als geplant stehen ließ, dürfte auch damit zu tun gehabt haben, dass es noch während des Abbruchs der Kaserne Initiativen zu seiner Rettung gab. Bereits 1897 hatte sich die Centralcommission für Kunst und historische Denkmale dafür ausgesprochen, „das Thor sammt seinen Sculpturen an entsprechendem Orte in Wien wieder aufzurichten“, und eine geplante Parkanlage auf der Schmelz als potentiellen neuen Standort vorgeschlagen.17 Diese Überlegungen blieben bis zuletzt aktuell, und noch am 13. Dezember 1900 diskutierte man im Wiener Stadtrat „über die Frage der Erhaltung, beziehungsweise Neuaufstellung des zwischen den beiden Tracten der Kaiser Franz Joseph-Kaserne befindlichen architektonisch ausgestatteten Thores.“ Da sich die Kosten dafür auf 123.000 Kronen belaufen hätten, wurde jedoch beschlossen, „von der Erwerbung dieses Objectes abzusehen.“18 – Das Schicksal des Franz Josephs-Tores war damit endgültig besiegelt, Wien wurde um ein Baudenkmal ärmer. Aber gut, Wagners Postsparkasse ist als Ersatz dafür auch nicht zu verachten…


1. Von der Namenswahl berichtet u. a. Die Presse vom 30. Sept. 1851, S. 2. [ANNO-Link]

2. Der Ablauf des Wettbewerbs und der Jurysitzungen ist detailliert wiedergegeben bei: Elisabeth Springer, Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße, Wiesbaden 1979, S. 38-39.

3. Über die feierliche Enthüllung berichtet das Fremden-Blatt vom 19. Sept. 1855, S. 2-3. [ANNO-Link] Vom Skulpturenschmuck schreiben Die Presse am 22. März 1855, S. 3 [ANNO-Link], sowie die Morgen-Post vom 2. Mai 1855, S. 2. [ANNO-Link] Demgegenüber ewrwähnt die Österreichische Illustrirte Zeitung schon am 30. Okt. 1854, S. 4, die Vollendung des Tors. [ANNO-Link]

4. Zitiert nach: Elisabeth Springer, Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße, Wiesbaden 1979, S. 38.

5. Vgl. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

6. Vgl. Österreichische Illustrirte Zeitung, 30. Okt. 1854, S. 4, bzw. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

7. Vgl. Die Presse am 22. März 1855, S. 3. [ANNO-Link]

8. Vgl. Morgen-Post, 25. März 1854, S. 2. [ANNO-Link]

9. Morgen-Post, 2. Mai 1855, S. 2. [ANNO-Link]

10. Jubiläums-Kunstausstellung, in: Die Presse, 11. März 1888, S. 1-4 (hier: S. 4). [ANNO-Link]

11. Die Concurrenzpläne für die Erweiterung des Stubenviertels, in: Die Presse, 28. Februar 1893, S. 1-2 (hier: S. 1). [ANNO-Link]

12. Der Bautechniker, Nr. 24, 1889, S. 350. [ANNO-Link]

13. Die Concurrenzpläne für die Erweiterung des Stubenviertels, in: Die Presse, 28. Februar 1893, S. 1-2 (hier: S. 1). [ANNO-Link] Vgl. auch: Die Preis-Concurrenz für das Stubenviertel, in: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, Nr. 9, 1893, S. 137-139. [ANNO-Link]

14. Das mit dem ersten Preise gekrönte Konkurrenz-Projekt für die Regulierung des Stubenviertels in Wien, in: Allgemeine Bauzeitung, 58. Jg., 1893, S. 41-42. [ANNO-Link]

15. Neue Freie Presse, 6. März 1900, S. 6. [Anno-Link]

16. Illustrirte Rundschau, 1. Jan. 1901, S. 10. [ANNO-Link]

17. Das Vaterland, 17. Feb. 1897, S. 6. [ANNO-Link]

18. Wiener Zeitung, 14. Dez. 1900, S. 2. [ANNO-Link]